Psychisches Abhängigkeitsrisiko
06.01.2009 von BB
Bei der Beurteilung des Abhängigkeitspotentials einer psychotropen Substanz wird unterschieden zwischen einer physischen, also körperlich messbarer Abhängigkeit und psychischer Abhängigkeit. Merkmale physischer Abhängigkeit sind Symptome, die nach Absetzen der psychotropen Substanz auftreten und eindeutig als Folge des Absetzens dieser Substanz zu verstehen sind.
Nach anhaltend regelmäßigem Konsum ist innerhalb von 10 Stunden nach Konsumende mit dem Auftreten eines Cannabisentzugssyndroms zu rechnen, welches nachfolgende Symptom umfasst:
Craving, Appetitminderung, Schlafstörungen, merkwürdiges Träumen, Schwitzen (vor allem nachts), allgemeine Irritabilität und Reizbarkeit, bisweilen Aggressivität, innere Unruhe, Affektlabilität, Angst und Hyperalgesie (übermäßige Schmerzempfindlichkeit).
Die Ausprägung ist in den ersten Tagen am stärksten, in Einzelfällen kann eine pharmakologische Behandlung erforderlich sein. Übelkeit und Erbrechen können sowohl als unerwünschte Nebenwirkung von Cannabiskonsum als auch nach Absetzen auftreten.
Die Möglichkeit, von Cannabis psychisch abhängig zu werden, ist unstrittig. Psychische Abhängigkeit zeichnet sich aus durch erhebliche seelische Fixierung auf den Konsum der Droge, des untrennbare Verbinden bestimmter Stimmungszustände mit dem Konsum eben dieser Droge, Angst vor dem Verzicht auf die Droge und Ausrichtung des eigenen Lebensgefühls und u. U. auch -stils auf den Konsum der Droge.
Die beschriebenen Aspekte sind grundsätzlich unabhängig von der jeweiligen konkreten Droge. Wenn der Konsum einer Droge wie z.B. Cannabis beim Konsumenten in dessen Vorstellung verbunden wird mit dem Erreichen eines als angenehm empfundenen seelischen Zustandes - also z.B. mit Entspannung, Überwindung von Stress etc., kann sich ein starkes Bestreben entwickeln, die-se erstrebte seelische Stimmung zu erreichen und dafür gezielt eine bestimm-te Droge einzunehmen.
Wenn dieses starke Bestreben sich zu einem massiven inneren Drang entwickelt, der dem Betroffenen subjektiv fast oder gänzlich unwiderstehlich erscheint, dann sprechen wir von psychischer, also seelischer Abhängigkeit.
Psychotropen Substanzen, denen eine bestimmte psychische Wirkung in besonderer Weise zugeschrieben wird, wird dementsprechend ein hohes Potenzial zur Erzeugung psychischer Abhängigkeit zugeschrieben. Diese Zuordnung ist insofern problematisch, als die Wirkung einer psychotropen Substanz von verschiedenen Faktoren abhängt, wie
- der seelischen und körperlichen Verfassung und inneren Einstellung des Konsumenten,
- den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und
- dem Wirkstoff der Droge selbst und dessen Dosierung.
Dementsprechend sind manche Personen im hohen Maße gefährdet, auf den Konsum psychotroper Substanzen mit der Entwicklung psychischer Abhängigkeit zu reagieren, andere hingegen kaum.
Unstrittig ist Cannabis eine psychotrope Substanz, die von manchen Personen auch abhängig konsumiert wird im Sinne einer Cannabisabhängigkeit. Das Problem der psychischen Abhängigkeit von einer psychotrop wirkenden Substanz ist jedoch nicht cannabisspezifisch, sondern gilt für alle Substanzen mit psychotroper Wirkung. Allgemein ist festzuhalten, dass bei abhängigem Konsummuster das Risiko zu vergleichbaren Konsum auch anderer psychotroper Substanzen erhöht ist: Wiederum in Abhängigkeit von
- der konkreten körperlich und seelischen Situation des Einzelnen,
- seiner inneren Erwartungshaltung,
- seinem sozialen Umfeld und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie
- der jeweiligen psychotropen Substanz selbst
und damit individuell sehr unterschiedlich.
Die Entwicklung von unregelmäßigem Cannabiskonsum über missbräuchlichem Konsum bis zur Cannabisabhängigkeit hängt von vielen Faktoren ab, gleiches gilt für die Entwicklung von reiner Cannabisabhängigkeit bis hin zu Opiat- oder Mehrfachabhängigkeit. Einerseits stellen wir bei Cannabisabhängigen häufig polyvalente Drogenkonsummuster fest, andererseits gibt es keinen einfachen Kausalzusammenhang zwischen der Entwicklung dieser verschiedenen Formen stoffgebundener Abhängigkeit. Ähnliches gilt für die Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit und weiterer psychischer Störungen wie Psychose, Angststörung und verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen (antisoziale Persönlichkeitsstörungen, Borderline-Störung etc.). Dies hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, die sich nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht in einer einheitlichen wissenschaftlich fundierten Hypothese befriedigend zusammenfassen lassen.
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